Wie funktioniert eigentlich dein Gedächtnis? Warum lässt es dich manchmal im Stich? Und was kannst du dagegen tun? Wir geben Antworten auf diese Fragen und zeigen dir interessante Möglichkeiten, dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.

Das kennt fast jeder: Eben wusstest du noch, was du in der Küche wolltest, dann warst du kurz abgelenkt und nun stehst du da und weißt nicht mehr, warum du dort überhaupt hingegangen bist. Es sind oft Kleinigkeiten, die uns das Gefühl geben, etwas könnte mit unserem Gedächtnis nicht stimmen. Dabei ist in den seltensten Fällen wirklich eine Krankheit schuld. Meist liegt es daran, dass wir unser Gedächtnis nicht fit halten und so regelmäßig trainieren wie unseren Körper. Dabei ist das Gehirn in dieser Beziehung bereits ein Hochleistungssportler, denn es schafft jeden Tag erstaunliche Dinge, die wir oft gar nicht bewusst wahrnehmen.

Gehirnjogging, Älteres Paar mit TabletWestend61/Getty Images
Gedächtnistraining muss Spaß machen, damit es erfolgreich ist.

So funktioniert das Gedächtnis

Das Gedächtnis erledigt grundsätzlich vier Aufgaben: Es sortiert durch die Sinne aufgenommene Informationen in „bekannt“ und „neu“. Dann prägt es sich relevante Informationen ein. Dritte Leistung: das dauerhafte Behalten dieser Erinnerungen. Und schließlich ruft es als letzten Job diese Informationen ab, wenn wir sie brauchen. Nicht alle Leistungen nehmen wir bewusst wahr, trotzdem sind sie alle wichtig. Denn ohne diese Aufgaben geht in Sachen Gedächtnis nichts.

Um diese vier Funktionen zu meistern, hat das Gehirn drei Schubladen angelegt, die wie folgt lauten:

Das Ultrakurzzeit- oder auch sensorische Gedächtnis

Hier landen alle Sinneseindrücke, die der Körper ans Gehirn liefert – also eine ganze Menge. Aber nur sehr kurz: Das Gehirn muss in einem Zeitraum von maximal zwei Sekunden entscheiden, welche dieser Eindrücke so wichtig sind, dass sie in die nächste Schublade geschoben und welche von den nächsten einkommenden Meldungen überschrieben werden. Der überwiegende Teil aller Informationen, die die Sinne liefern, ist also sehr kurzlebig.

Das Kurzzeit-Gedächtnis

Diese Schublade lässt sich am besten mit dem Arbeitsspeicher eines Computers vergleichen. Hierhin verschiebt das Gehirn die als wichtig erachteten Informationen. Allerdings bleiben sie auch hier nicht sehr lange erhalten, im Durchschnitt zwischen zwölf und 20 Sekunden. Die Menge der Informationen, die hier festgehalten werden, ist ebenfalls sehr übersichtlich: Fünf bis neun Infoblöcke wie Zahlen schafft diese Schublade. Ein klassisches Beispiel wäre eine Telefonnummer, die hier landet. Jetzt ist Zeit, sich diese Zahlenreihe in Stücke zu zerlegen, die man sich erfahrungsgemäß gut merken kann. Das nennt sich Chunking und wird von vielen Gedächtnismeistern genutzt, um sich Dinge besser merken zu können.

Das Langzeitgedächtnis

Die dritte Schublade ist nicht nur die mit Abstand größte, sondern auch diejenige, die mit dem Wort Gedächtnis im Sprachgebrauch gemeint ist. Hierhin schiebt das Gehirn die Infos aus dem Kurzzeitgedächtnis, die uns wichtig genug erscheinen, um sie dauerhaft zu wissen. Natürlich können auch hier Erinnerungen verloren gehen und sich ändern. Aber was hier einmal gelandet ist, hat gute Chancen, eine Weile in unserem Gehirn abrufbar zu bleiben.

Wie viele „Computerdaten” hier tatsächlich zu finden sind, das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, eine einheitliche Größe gibt es nicht. Die Zahl ist dennoch beeindruckend! So liegt im Langzeitgedächtnis zum Beispiel unser gesamter aktiver Wortschatz, also Worte, die wir tatsächlich benutzen. Und das in allen Sprachen, die wir beherrschen. Bei den meisten Menschen besteht der Wortschatz allein in ihrer Muttersprache aus mehr als 10.000 Worten. Dazu kommen noch die, die wir zwar kennen, aber nicht nutzen würden, um etwas zu sagen. Und dann wären da noch alle unsere Erinnerungen, Daten, angehäuftes Wissen und vieles mehr. Um diese Schublade geht es, wenn wir davon reden, unser Gedächtnis zu trainieren und zu verbessern.

Gehirnjogging, Mann mit Laptopvm/Getty Images
Das Gehirn ist komplex und wie ein Muskel, der stets trainiert werden muss.

Habe ich vergessen! Warum unser Gehirn irgendwann nachlässt

Dass die Gedächtnisleistung nachlässt, ist ganz normal. Ab einem Alter von etwa 40 Jahren beginnt das Gehirn damit, sich umzubauen. Manche Regionen im Gehirn werden kleiner – auch die, in denen das Gedächtnis sitzt. Wir können uns also vermeintlich weniger merken. Dafür wächst aber die sogenannte kristalline Intelligenz. Das heißt, wir können das Wissen, das wir uns bis dahin erworben haben, besser anwenden. Ein 20-jähriger Mensch ist so zwar schneller beim Denken, aber ein 50-jähriger Mensch denkt umfassender und kommt eher auf Lösungen für komplexe Probleme. Optimal ist das Zusammenspiel von fluider, also schnellem Denkvermögen, und kristalliner Intelligenz, also wachsendem Erfahrungsschatz, übrigens zwischen 25 und 35 Jahren. Nicht von ungefähr haben die meisten großen Wissenschaftler ihre bahnbrechenden Entdeckungen in diesem Alter gemacht.

Da die Datenmenge im Gehirn stetig wächst, weil jeder Tag neue Informationen bringt, die möglicherweise im Gedächtnis bleiben, ist auch der Zugriff irgendwann nicht mehr so schnell. Um ein großes Lager nach einer ganz bestimmten Erinnerung zu durchsuchen, braucht es eben mehr Zeit als bei einem kleinen Lager. Das bremst den sprichwörtlichen Geistesblitz immer mehr aus, je älter wir werden. Auch Krankheiten oder Medikamente können einen schlechten Einfluss auf das Gedächtnis haben. So ist bekannt, dass Probleme mit der Schilddrüse negative Auswirkungen haben können, auch Vitaminmangel oder chronische Schlafstörungen machen dem Gehirn Probleme. Und von Schlafmitteln und Herz-Kreislauf-Medikamenten weiß man, dass sie dem Gedächtnis schaden können.

Ein weiterer Faktor ist ebenfalls entscheidend für unsere Gedächtnisleistung: Training. Wer sein Gehirn nicht mehr fordert, sondern es sich jeden Abend in seiner Komfortzone auf dem Sofa gemütlich macht, signalisiert seinem Gehirn: Ich brauche nicht mehr die volle Leistung. Und tatsächlich ist nachweisbar, dass das Gehirn dann die für Intelligenz und Gedächtnis wichtigen Verbindungen zwischen den Nervenzellen – die Synapsen – immer mehr abbaut. Je schlechter das Gehirn aber vernetzt ist, desto weniger kann es leisten. Doch dieser Zustand ist nicht in Stein gemeißelt: Du kannst etwas dagegen tun!

Gehirnjogging, Frau mit TabletPeopleImages/Getty Images
Beim Gehirnjogging sollte man sich selbst Herausforderungen stellen.

Jogging fürs Gehirn: So trainierst du dein Gedächtnis

Für unsere Intelligenz sind drei Faktoren verantwortlich: Gene, Umwelt und Übung. Wissenschaftler schätzen, dass etwa 30 bis 40 Prozent auf Gene und die Umwelt entfallen, in der wir als Babys aufgewachsen sind. Daran lässt sich später nicht mehr wirklich viel ändern. Aber die restlichen 60 bis 70 Prozent sind Übung. Und die kannst du jederzeit wieder anfangen. Denn das Gehirn ist bis ins hohe Alter in der Lage, neue Nervenzellen und Synapsen auszubilden, wenn sie gebraucht werden. Ähnlich wie Muskeln lässt sich also auch das Gehirn trainieren.

Was genau aber Training fürs Gehirn ist, davon haben viele eine völlig falsche Vorstellung. So bringt reines Abrufen von Wissen beispielsweise wenig, weil dabei nur ganz bestimmte Bereiche des Gehirns genutzt werden. Ein Kreuzworträtsel zu lösen, hat also keinesfalls den gewünschten Trainingseffekt. Wissenschaftler vergleichen erfolgreiches Gehirntraining mit erfolgreichem körperlichen Training. Wer hinterher eine gewisse Erschöpfung verspürt, hat es richtig gemacht.

Ein ganz simples, aber effektives Rezept ist nach Ansicht der Experten bereits, Dinge des Alltags einmal anders zu machen als gewohnt. Sich beispielsweise die Zähne mit der anderen Hand zu putzen, stellt das Gehirn schon vor eine neue Herausforderung – und genau die braucht es, um besser zu werden. Wer will, kann übrigens auch zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Dass man während körperlicher Anstrengungen auch sein Gehirn gut trainieren kann, ist längst erwiesen. So lösten Testpersonen, die auf einem Trimmrad fuhren, Matheaufgaben deutlich besser als eine Vergleichsgruppe, die am Schreibtisch saß. Das liegt daran, dass das Gehirn ohnehin bereits einen gewissen Aufmerksamkeitslevel erreicht, wenn man körperlich trainiert, sodass es leichter ist, weitere Gehirnregionen zu aktivieren. Vokabeln lernen, funktioniert also mit ziemlicher Sicherheit beim Joggen besser als auf dem Sofa.

Allerdings lässt sich das Gedächtnis nicht austricksen. Wer um des Lernens willen lernt, aber keinen wirklichen Zweck damit verfolgt, der ihm am Herzen liegt, wird keinen dauerhaften Erfolg damit haben. Denn wer mit Spaß lernt, der schüttet dabei Neurotransmitter wie Dopamin frei – die chemische Voraussetzung dafür, dass Informationen in die Nervenzellen gelangen. Dass Gehirntraining so besser läuft und viel wirksamer ist als bei einer täglich verordneten Quälerei, liegt auf der Hand. Auch wenn viele denken, das Gehirn sei der Sitz des Rationalen, gilt das für das Lernen und Trainieren des Gehirns ausdrücklich nicht. Hier sind positive Emotionen extrem hilfreich!

Was auch erklärt, warum sich vor allem Kinder auf den Schulstoff manchmal nicht sonderlich lange konzentrieren können, beim Spielen aber eine erstaunliche Geduld beweisen. Wenn es Spaß macht, fällt es viel leichter, an etwas dranzubleiben. Wer also ohnehin gerne spielt, hat so schon ein optimales Werkzeug an der Hand, sein Gedächtnis zu trainieren – egal in welchem Alter.

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Das Internet bietet zahlreiche Möglichkeiten, sein Gedächtnis zu trainieren.

Abgezockt: Games und Apps, mit denen Gehirnjogging einfach mehr Spaß macht

Aber welche Games oder Apps, mit denen du angeblich dein Gehirn trainieren kannst, taugen auch etwas? Wir haben für dich eine kleine Liste mit Kandidaten zusammengestellt, die auf unterschiedlichen Wegen Ergebnisse erzielen.

Dr. Kawashimas diabolisches Gehirn-Jogging

Die Dr. Kawashima-Reihe gibt es schon sehr lange. Alle Games sind für den Nintendo DS erschienen und auch immer noch zu haben, obwohl einige schon knapp 15 Jahre alt sind. Die neueste Variante ist der insgesamt dritte Teil und bietet insgesamt 30 Mini-Spiele, von denen 18 komplett neu entwickelt wurden. Wichtig hierbei: Das Game passt sich den Fähigkeiten des Spielers an. Wenn die Ergebnisse nicht so gut sind wie erhofft, dann senkt Dr. Kawashimas diabolisches Gehirn-Jogging die Anforderungen so lange, bis diese optimal auf den Nutzer eingestellt sind. So erzielt das Spiel die gewünschten Ergebnisse, ohne völlig zu frustrieren. Ein paar Wochen sollte man das Spiel aber schon ausprobieren, bevor man eine spürbare Besserung der Gedächtnisleistung erwarten darf.

Die alten Versionen sind für etwa 15, die neue Variante für knapp 30 Euro zu haben. Eine abgespeckte Version ist auch für Smartphones erschienen.

Professor Layton

Ja, das sieht erst einmal nach einem Spiel für Kinder aus. Tatsächlich ist aber die Professor Layton-Reihe – mittlerweile gibt es sieben Teile – derart vollgestopft mit den verschiedensten Arten von Rätseln, dass sie in jedem Fall das Gehirn fordert. Denn auch wer den einen oder anderen Rätselaufbau durchschaut, kommt damit noch nicht bis ans Ende des Spiels. Und das erzählt in aller Regel auch eine Story, die so fesselt, dass man das Ende schon gerne sehen würde. Für genug Motivation ist also gesorgt, selbst wenn man seine Schulzeit schon eine Weile hinter sich hat.

Der bislang letzte Teil „Laytons Mystery Journey: Katrielle und die Verschwörung der Millionäre“ kann dabei mit einer Rekord-Rätselmenge von mehr als 170 Stück aufwarten. Einziger Nachteil hier: Wer einmal durchgespielt hat, kennt die Antworten und wird beim nochmaligen Spielen keinen großen Nutzen in Sachen Gedächtnistraining mehr haben. Aber dann gibt es ja immer noch sechs weitere Teile der Rätsel-Games.

Die sieben Professor Layton-Spiele – alle für Nintendo DS erschienen – sind noch im Handel erhältlich und kosten jeweils zwischen 30 und 70 Euro.

94%

Das kostenlose Spiel für Smartphones ist auf den ersten Blick nicht unbedingt der große Gedächtnistrainer. Hier muss der Spieler Begriffe finden, die auf Fragen wie „Was mache ich morgens als erstes?“ oder „Beliebte Reiseziele“ geantwortet wurden. Und natürlich hat man die häufigsten Antworten auch recht schnell ermittelt. Aber der Name des Spiels ist nicht umsonst 94% – das ist nämlich die Summe der Prozentzahl, die man erreichen muss, um die Runde zu gewinnen. Mal sind dazu vier Begriffe nötig, manchmal acht.

Die Antworten, die nur von wenig Leuten genannt wurden, sind jedoch die wirklich harten Nüsse. Um sie herauszufinden, musst du manchmal deine Perspektive ändern und dir überlegen, was andere Leute wohl geantwortet haben könnten. Dieser Gedankenprozess trainiert das Gehirn immens. Dazu kommt, dass Level, bei denen nur noch ein Begriff fehlt, uns automatisch im Kopf bleiben und wir immer wieder darüber nachdenken. Das beschäftigt unser Gehirn so, wie es sein soll.

Skillz

Diese kostenlose App besteht aus vielen kleinen Spielen, die aber ganz unterschiedliche Herausforderungen an das Gehirn stellen. So musst du mal möglichst schnell eine Entscheidung fällen, ein anderes Mal eine Schätzung abgeben oder bestimmte Reihen erkennen und antippen. Weil Skillz dabei die Aufgaben auch oft mit einem Zeitfaktor versieht, trainierst du neben dem Gedächtnis auch die körperlichen Reflexe und die Koordination – eine ganze Menge für eine App.

Zwei Nachteile gibt es allerdings: Zum einen stört in der kostenlosen Version die Werbung. Die lässt sich immerhin durch eine Einmalzahlung von 2 Euro abstellen. Aber Skillz arbeitet auch viel mit Farbrätseln. Wer Farben nicht gut oder gar nicht unterscheiden kann, für den ist Skillz daher vermutlich keine gute Wahl, um sein Gedächtnis auf Trab zu bringen – der Frustfaktor wäre einfach zu hoch.

Lumosity

Bei dieser App gibt es mehr als 25 verschiedene Spiele, um das Gehirn in Fahrt zu bringen: Puzzle-, Gedächtnis- und Mathespiele sowie vieles mehr. Allerdings ist das Angebot der kostenlosen Version begrenzt und wiederholt sich bald. Das kostenpflichtige Spiel ist hingegen ein Abomodell mit fünf Euro Monatsbeitrag – ganz schön teuer. Wenn dich diese App interessiert, solltest du in jedem Fall zunächst die kostenlose Version testen, bevor du einen Jahresvertrag für die Komplettversion abschließt.

Worauf wartest du jetzt also noch? Denn wie du siehst, gibt es zahlreiche Möglichkeiten, dein Gedächtnis zu trainieren. Such dir die nächste Herausforderung für dein Gehirn, dann stellen sich die Fortschritte schneller ein, als du denkst.